"Du stirbst nicht" - Selbst- und Fremdwahrnehmung bei Schädel-Hirn-Verletzungen
Neuropsychologische und literarische Perspektiven

Bad Kissingen
14.05.2011


Dozentinnen:

Kathrin Schmidt
Berlin, Trägerin des Deutschen Buchpreises 2009

Dr. phil. Birgit Kemper, Dipl.-Psych.
Neurochirurgische Klinik, Clemenshospital Münster

 

 
Öffentliche Lesung: "Du stirbst nicht" - Die Schriftstellerin und der Schlaganfall
 
 
mit der Autorin Kathrin Schmidt, Trägerin des Deutschen Buchpreises 2009,
im Rahmen der Gesundheitstage in Bad Kissingen 2011
(www.gesundheitstage-badkissingen.de).
 
 


Kathrin Schmidt wurde 1958 in Gotha / Thüringen geboren. Sie studierte von 1976 - 1981 Psychologie an der Universität in Jena, arbeitete als wissenschaftliche Assistentin an der Universität in Leipzig, danach als Kinderpsychologin in Berlin-Marzahn. 1986/1987 studierte sie Literatur. Nach der Wende in der DDR arbeitete sie am runden Tisch in Ost-Berlin und als Redakteurin. Seit 1994 ist sie freie Schriftstellerin. Der bisher größte Erfolg war Schmidt mit dem autobiographisch gefärbten Roman Du stirbst nicht (2009) beschieden. In diesem schildert die Autorin die Krankheits- und Genesungsgeschichte der Schriftstellerin Helene, die nach einem plötzlichen Schlaganfall mit der fehlenden Kontrolle über ihren Körper konfrontiert wird und die Sprache neu erlernen muss. Für ihren vierten Roman wurde Schmidt 2009 mit dem Deutschen Buchpreis ausgezeichnet. (Quelle: www.wikipedia.de)

 
 

Die Moderation erfolgte durch Herrn Dr. med. Franz-Xaver Weilbach, Klinik Bavaria, Bad Kissingen. Die öffentliche Lesung fand von 10.00 Uhr - 11.30 Uhr im Rossini Saal des Arkadenbau in Bad Kissingen statt. Eine Anmeldung war hier nicht erforderlich.

 
 

Workshop: Selbst- und Fremdwahrnehmung bei Schädel-Hirn-Verletzungen
Neuropsychologische und literarische Perspektiven

 
 
Interaktive Veranstaltung in der Klinik Bavaria Bad Kissingen
 

 

 


Die Klinik Bavaria und die Akademie bei König & Müller hatten die Buchpreisträgerin Frau Kathrin Schmidt und die Neuropsychologin Frau Dr. Birgit Kemper, Dipl.-Psych. zu einem Nachmittagssymposium eingeladen. In der Diskussion zwischen den Betroffenen, deren Angehörigen und den Fachleuten sollten Aspekte der Selbst- und Fremdwahrnehmung von Schädel-Hirn-Verletzen aus neuropsychologischer und literarischer Sicht beleuchtet werden. Hierzu waren alle Interessierten herzlich eingeladen. Für das Mittagessen und den Workshop in der Klinik Bavaria war eine kostenpflichtige Anmeldung erforderlich.

 
 

12.00 - 12.30 Anmeldung
12.30 - 13.30 Mittagessen (Bavaria-Klinik)
13.30 - 15.00 Interaktiver Workshop
15.00 - 15.30 Kaffeepause
15.30 - 17.00 Interaktiver Workshop

Diese Veranstaltung war eine Kooperation mit der Klinik Bavaria Bad Kissingen (www.klinik-bavaria.com).

 

 

 
Retrospektive
klicken Sie einfach auf die Vorschaubilder
 
         
 
 
         
 
 

 

 
Rückmeldungen von Teilnehmern und Referenten
 
 


- Ich fande die Fortbildung eine tolle Idee, die Frau hat sehr gut gesprochen, aber für ein Aphasiker hat sie zu viel erzählt. Der lange Tag war etwas anstrengend...
- Ich bewundere sie, dass sie so viel Kraft und Lust hatte.
- Sie hatte Glück, dass sie nicht ihre Freunde durch die Erkrankung verloren hat, so wie ich.
- Es war interessant mal einen ähnlichen Schicksalsschlag von einer Betroffenen so genau zu hören und mit mir selbst zu vergleichen.

Liebe Grüße, Mara Graf

PS.: Es gab gutes vegetarisches Essen. ;-)



Erst mal vielen Dank für die Interessante uns sehr Informative Veranstaltung. Für mich war sie in zweierlei Hinsicht wichtig. Zum ersten bin Ich Mutter eines schwerbehinderten jungen Mannes und zum zweiten seit mehr als 30 Jahren in der Orthopädie-und Rehatechnik tätig.
Viele Aussagen der Schriftstellerin haben mir vor Augen geführt wie unsensibel und leichtfertig wir mit diesen Menschen umgehen.
Zum Beispiel in der täglichen Pflege, dass wir dabei in die intimsten Bereiche eines Menschen vordringen, wer denkt da schon drüber nach: Muß halt gemacht werden…
Oder beim Essen eingeben ("Eingeben" sagt schon alles)!!! Muß halt schnell gehen…
Nächstes Problem...Langsames Sprechen. Wer hört da schon lange genug und vor allem aufmerksam genug zu..
Es gäbe noch viele Beispiele mehr, die für uns nicht wichtig erscheinen, aber für Menschen mit Behinderung grundlegend sind.
Ich für meinen Teil (hoffe ich ) werde versuchen meine Wahrnehmung in diese Richtung zu verstärken.
Alleine für diese Erkenntnis und das ich so viel Positives mitnehmen durfte.
DANKE!!

Liebe Grüße aus Karlstadt

Susanne Feser



Der Tag in Bad Kissingen ist mir in besonderer Erinnerung geblieben. Auch wenn man jeden Tag mit hirngeschädigten Menschen arbeitet, bekommt man doch selten so einen intimen Einblick in die erlebte Situation. Frau Schmidt beschrieb ihre Erfahrungen dabei ehrlich und unverblümt und hat damit einmal mehr den Menschen, das Individuum betont.


Dipl.-Psych. Aline Rother



In meiner Tätigkeit als klinische Neuropsychologin sehe ich es immer wieder als eine große Herausforderung an, meinen Patienten und ihren Angehörigen neuropsychologische Störungen verständlich zu vermitteln.

Die klinische Neuropsychologie und auch die Neurowissenschaft können nur unzureichend den subjektiven Wahrnehmungs- und Erlebnishorizont der betroffenen Patienten erfassen.
Gerade Angehörige erleben eine oftmals quälende Hilflosigkeit, wenn sie am Krankenbett ihres zunächst allenfalls basal kontaktfähigen Patienten stehen, und im Genesungsverlauf mit Veränderungen im Verhalten und Erleben ihrer Angehörigen konfrontiert werden, die überraschen, ängstigen oder auch zu herzhaftem Lachen animieren können.
Es wird offensichtlich, dass unterschiedliche Perspektiven in der Rekonstruktion und Wahrnehmung der Welt zwischen den Patienten und ihrem Umfeld bestehen.

In dem Workshop am 14.5.2011 in Bad Kissingen, "Du stirbst nicht" - Selbst und Fremdwahrnehmung bei Schädelhirnverletzungen - Neuropsychologische und literarische Perspektiven, wurden genau diese Aspekte zusammen mit Kathrin Schmidt, der deutschen Buchpreisträgerin von 2009 und Frau Dr. Birgit Kemper, Neuropsychologin der Neurochirurgischen Klinik des Clemenshospitals in Münster, in ihrer Vielschichtigkeit diskutiert.
Kathrin Schmidt` s Roman eröffnet einen Zugang, sich auf die Erfahrungswelten eines hirnverletzten Menschen einzulassen, ohne ihn als "defizitär" erscheinen zu lassen. Die Protagonistin des Romans, Helene Wesendahl, spiegelt einerseits einen Erfahrungshorizont der Autorin wider, die selbst eine Gehirnblutung erlitten hat. Andererseits darf nicht vergessen werden, dass Kathrin Schmidt auch viel Freude im Kreieren ihrer fiktiven Romanfigur hatte.

Die durchaus ungewöhnliche Begegnung zwischen der klinischen Neuropsychologie und der Literatur eröffneten für alle Beteiligten neue Chancen, sich den Fragen der Selbst- und Fremdwahrnehmung bei Schädelhirnverletzungen zu stellen.
Ehemalige Patienten und ihre Angehörigen konnten sich in einem Austausch mit Kathrin Schmidt in ihren eigenen Erfahrungen bestätigt fühlen. Sie waren gleichzeitig offen für Erfahrungen, die nicht den ihrigen entsprachen und ließen sich auf einen neuropsychologischen Fachvortrag von Frau Dr. Birgit Kemper ein.
Die Darstellung neuropsychologischer Störungsbilder in der frühen Genesungsphase nach schweren Gehirnverletzungen wird durch die Referentin durch Textpassagen aus "Du stirbst nicht" untermauert. So gelingt es vor allem über die Literatur, die Komplexitäten neuropsychologischer Störungen, psychologisch verstehbarer werden zu lassen. Der abstrakte Begriff der Anomie macht das schwere Ringen der Patienten um die fehlenden Worte sicherlich nicht deutlich. Formulierungen wie z.B. "Die Sprache, das schlafende Tier... (Kathrin Schmidt, Du stirbst nicht, S. 78) wecken vielmehr das Interesse des Publikums, sich der Diskussion abstrakter neuropsychologischer Störungsbilder, in diesem Falle der Aphasie, zu stellen.

Kathrin Schmidt präsentierte sich in einer Doppelrolle und zwar als ehemals betroffene Patientin und Schriftstellerin, die nach ihrer Gehirnblutung nicht nur ihre Alltagssprache, sondern auch ihre literarische Sprache wieder gewonnen hat.
Sie sprach mit dem Publikum auf Augenhöhe und bestach durch ihre Authentizität. Im Workshop berichtete sie über ihre Erfahrungen im Genesungsprozess und über noch bestehende noch Beeinträchtigungen, die dem Außenstehenden kaum auffallen mögen. In ihrem Erfahrungsbericht überzeugte Frau Schmidt, ihre Erkrankung frühzeitig ohne innere Rebellion angenommen zu haben. Ihre Ruhe und emotionale Distanz zu ihrer Erkrankung mögen dem ein oder anderem vielleicht etwas befremdlich erscheinen.

Die Protagonistin des Romans, Helene Wesendahl, kann Neuropsychologen daran erinnern, ihre Patienten nicht vorschnell auf eine neuropsychologische Diagnose zu reduzieren, sondern sich auf ihre Patienten und ihre Lebensgeschichten mit Respekt und Gespür einzulassen, auch wenn die engen Zeitkontingente im klinischen Alltag, dies nicht immer zu lassen.

Als langjährig in der Akutphase tätige Neuropsychologin werde ich mich unter anderem durch "Du stirbst nicht" immer wieder daran erinnern lassen, meinen Patienten eine "Halteleine" zu geben, damit sie in ihrem Genesungsprozess etwas besser "durch die Wildnis der Wahrnehmung" gelangen (vgl. Kathrin Schmidt, "Du stirbst nicht", S. 74).


Dr. Birgit Kemper, Dipl.-Psych.